Die Anstalt
Nominiert als Beste*r Newcomer*in
Es ist einfach, auch wenn es nicht so aussieht, auch wenn man das Gefühl hat, komplett überrollt zu werden mit täglichen Hiobsbotschaften: Die Antwort auf das ganze brennende Chaos da draußen ist ziviler Widerstand. Das kann elaboriert sein oder einfach darin bestehen, dass man sagt: Ich scheiß drauf, ich bleib in meiner Community, ich bilde etwas in dem Rahmen, der mir gegeben ist, und versuche dort etwas positiv zu verändern.
Als Carmen, Jakob und Emanuele sich vor zwei Jahren entschließen eine Band zu gründen, ist das einer der Gründe. Einfach so, einfach um da zu sein, das Gefühl zu haben zu existieren: Ich schreie, also bin ich. Die Anstalt!
Und so geht es einer ganzen Horde an jungen Bands aus Berlin, und überall anders – Bands, denen die Unterhaltung und Podiumsdiskussionen um Touren, Ausschüttungen, Verwertungsgesellschaften, Streaming-Dienste und Kulturförderung – wer weiß, wie lange es sowas noch gibt – etc. total egal sind. Nicht aus Ignoranz, sondern weil das für die eh keine Rolle spielt, weil klar ist: Das geht hier nicht um uns. Man macht Musik nicht aus einem Businessplan heraus, sondern aus einem ungezügelten inneren Antrieb. Und dieser Antrieb peitscht die Band nach vorne.
Also machen sie alles selber – Kassetten, Platten, Shows buchen. Sie spielen jedes besetzte Haus in Berlin und der Republik. 2024 erscheint die EP Rat Race und hinterlässt ihre Spuren in der Berliner Undergroundszene, dann Ende 2025 das erste richtige Album, limitiert auf 300 LPs, erstmal sofort weg, die Shows werden größer, die Nachpressungen immer gefragter. Irgendwann spielen sie in New York, Flüge erstmal selbst bezahlt. Carmen ist neben diversen anderen Jobs – Schauspielerin, Tänzerin – auch Stewardess. Resourceful nennt man sowas. Also eben noch in der Köpi, jetzt irgendwo in New York, keine Dollar in der Tasche aber eine große Fresse – und dort stehen dann A Place to Bury Strangers und sagen: „Ihr seid ja geil, kommt mal mit uns auf Tour in England."
Und auf einmal steht ein Label auf der Matte – okay boomer – Monate nachdem das erste Album erschienen ist, und sagt: „Hey, wir finden euch toll, wir können euch helfen." Und die Antwort ist nicht „Ja, cool" – sondern „Ja, aber…"
Die Anstalt und City Slang. Das war Liebe auf den ersten Blick, aber wichtig in einer gesunden Beziehung – erstmal kennenlernen. Und das mussten wir: erst mal erklären, was wir machen und warum wir sie toll finden, und dann zusammen überlegen: Wie können wir euch unterstützen, was werden wir hier tun, und inwiefern bedeutet das nicht, dass sie sich verbiegen müssen. Uns ist es extrem wichtig, dass diese Band genau das macht, was sie tut. Wir finden die Musik, die Menschen, die sie machen, die Standfestigkeit – alles einfach nur gut. Da wird nicht drüber nachgedacht, ob das Algorithmen gefällt. Nur darüber: Ist das Musik, für die wir stehen können? Sind das Aussagen, für die wir stehen können? Ist das künstlerisch etwas Wertvolles? Und das schaffen die – so wie kaum jemand anderes gerade.
Die Anstalt ist total einzigartig – klar, jeder der sie hört hat andere Referenzen, je nach Demografie. Die einen hören Malaria!, die anderen Boy Harsher. oder DAF, frühe EBM, Synth-Punk – und dann diese Surf-Gitarre, die eigentlich gar nicht ins Bild passt, und dann doch alles auf einmal connected. Die Anstalt ist theatralisch, konfrontativ, hypnotisch, schreibt die besten Slogans, ist angemessen wütend und live ein Vulkanausbruch. Der Vulkan auf dem wir schon wieder alle tanzen. Es ist wieder so weit. Musik zur Zeit! Und Die Anstalt finden die richtigen Worte. Für die generational Erschöpfung, für die dystopischen Auswüchse unserer Zeit, für die Kriegstreiber und die Manosphere. Für die Absurditäten unseres Hier und Jetzt. Und dabei sind sie irgendwie unverwechselbar Berlin.
Sowas gibt es nicht oft, alle zehn Jahre vielleicht. Und es ist mehr als das – es ist ein Beweis, dass im Verborgenen, abseits der großen Diskussionen und Diskurse, immer noch ein Funken schlummert. Ein Funken Wut und ein Funken Hoffnung, der es wert ist, nicht nur bewahrt, sondern entfacht zu werden. Das sieht man bei den Shows – Die Anstalt ist im Kern eine Punkband mit anderen Mitteln. Da wird nicht lang gefackelt, da wird abgefackelt.



