Enji
Nominiert als Bester Act
Für einige flüchtige Momente während eines Sonnenuntergangs erstrahlt der Himmel in einem leuchtenden Bernsteinton. Ein dramatisches Farbenspiel, ein Moment, der sowohl dem Tag als auch der Nacht gehört. In dieser lebendigen, vergänglichen Welt hat die in der Mongolei geborene und in München lebende Enji ihr neues Album Sonor geschrieben.
Sonor ist ein Album voller Leben und Optimismus – von einer Künstlerin, die die Schönheit darin findet, zwischen zwei Welten zu existieren, so wie ein Sonnenuntergang es tut. Zwischen den Kulturen der Mongolei und Deutschlands, zwischen Tradition und Innovation, Nostalgie und Vorfreude auf die Zukunft. Sonor ist eine musikalische Reise, geprägt von persönlichem Wachstum, Introspektion und der Erkenntnis des bittersüßen Gefühls des Wandels.
Enjis Leben gleicht einem Wandteppich, gewebt aus den Fäden verschiedener Kulturen. Geboren in Ulaanbaatar, Mongolei, wuchs sie von klein auf in den reichen Traditionen der mongolischen Volksmusik auf. Ihre frühe Begegnung mit urtiin duu, dem sogenannten „Lied der langen Melodie“ – einem traditionellen mongolischen Gesangsstil, der sich durch ausgedehnte Silben und freie Melodien auszeichnet – weckte in ihr eine tiefe Wertschätzung für ihre kulturellen Wurzeln.
2014 nahm Enjis musikalische Reise eine entscheidende Wendung, als sie an einem Programm des Goethe-Instituts in Ulaanbaatar teilnahm. Unter der Anleitung des deutschen Bassisten Martin Zenker wurde sie in die Welt des Jazz eingeführt. Die improvisatorische Natur und emotionale Tiefe des Jazz berührten sie so sehr, dass sie sich für ein Masterstudium im Jazzgesang an der Hochschule für Musik und Theater München entschied. Dieser Schritt markierte den Beginn ihres Lebens zwischen den Kulturen, zwischen ihrer mongolischen Heimat und ihrem neuen Zuhause in Deutschland.
Sonor spiegelt Enjis persönliche Entwicklung und die komplexen Emotionen wider, die das Leben zwischen zwei Welten begleiten. Die Themen des Albums kreisen um das schwer greifbare Gefühl, zwischen Kulturen zu stehen – nicht als Quelle des Konflikts, sondern als Raum für Wachstum und Selbstentdeckung. Enji erforscht, wie die Distanz zu ihren traditionellen mongolischen Wurzeln ihre Identität geprägt hat und wie die Rückkehr in ihre Heimat ihr Bewusstsein für diese Veränderungen schärft.
Mit Sonor entwickelt sich Enji weiter und erweitert ihren Klang zu etwas Flüssigerem und Zugänglicherem. Auch wenn ihre musikalischen Grundlagen stabil bleiben – mit einer Band weltbekannter Jazzmusiker und allen Liedern, abgesehen vom obligatorischen Standard Old Folks, auf Mongolisch gesungen – rückt Sonor Melodie und Erzählung in den Vordergrund, mit einer neuen Klarheit, die ihre Musik einem breiteren Publikum öffnet. Es ist nicht nur ein stilistischer Wandel, sondern eine Vertiefung ihrer künstlerischen Stimme – eine, die Zugänglichkeit mit Tiefe verbindet und ihre Lieder auf einer universelleren Ebene resonieren lässt.
Trotz seiner farbenfrohen und optimistischen Stimmung ist das Album von einer leisen, bittersüßen Nostalgie durchzogen. Diese Dualität zeigt sich besonders im Stück Ulbar – das mongolische Wort für den Farbton des Himmels beim Sonnenuntergang. Ein Phänomen, das leuchtend und schön ist, aber zugleich das Ende des Tages und den Übergang in die Nacht markiert. Ebenso fängt Enjis Musik die Freude neuer Erfahrungen und des Wachstums ein, während sie anerkennt, dass frühere Erlebnisse mit der Zeit ihre Vertrautheit verlieren.
Auf Sonor haucht Enji dem traditionellen mongolischen Lied Eejiinhee Hairaar („Mit der Liebe meiner Mutter“) neues Leben ein – ein Stück voller Nostalgie und stiller Freude. Sie erinnert sich daran, wie ihr Vater die Melodie summte, während er zu Hause in der Mongolei sein Fahrrad reparierte – ein einfaches, unscheinbares Bild, das im Rückblick Wärme und Bedeutung ausstrahlt. Dieses Bild von Musik, die mit dem Alltag verwoben ist, von Melodien, die über Generationen weitergegeben werden, verkörpert den Geist von Sonor. Enji besucht die Tradition nicht einfach wieder; sie destilliert das Gefühl von Heimat – jene kleinen Freuden, die ihre Bedeutung erst aus der Distanz offenbaren. Wie ein vertrautes Lied, das ein Elternteil summt, fängt ihre Musik das Wesen von Zugehörigkeit ein – nicht an einen Ort gebunden, sondern an die Emotionen und Erinnerungen, die uns formen.
An anderer Stelle des Albums fangen Stücke wie Much die Melancholie flüchtiger Momente ein – hoffnungsvoll im Tonfall, fordert Enjis Stimme die Hörer dazu auf, innezuhalten und die vergänglichen Sekunden zu würdigen. In Ergelt verdichtet Enji das Thema des Albums zu einer Meditation über Nostalgie und sich wandelnde Vertrautheit, mit übersetzten Zeilen, die diese Dualität einfangen:
„Ein Blick voller Glück macht mich traurig /
Wenn ich versuche, mein Leid auszusprechen, kommen mir keine Worte /
Unvertraut, und doch irgendwie bekannt.“
Sonor wird bereichert durch Enjis Mitwirkende: Elias Stemeseder, ein österreichischer Pianist und Komponist, bekannt für seine Arbeit im zeitgenössischen Jazz und in der Avantgarde-Musik, der bereits mit John Zorn und Christian Lillinger zusammenarbeitete. Robert Landfermann, ein deutscher Kontrabassist, gilt als herausragender Musiker in der europäischen Jazz- und Improvisationsszene, bekannt für technische Virtuosität und tiefes Rhythmusgefühl. Julian Sartorius, ein Schweizer Schlagzeuger und Perkussionist, verfolgt einen stark texturierten, rhythmischen Ansatz, der Jazz, Elektronik und experimentelle Musik verbindet. Langjähriger Weggefährte Paul Brändle, ein deutscher Jazzgitarrist, zeichnet sich durch einen warmen, fließenden Stil aus, der klassischen Jazz mit modernen Einflüssen verbindet.
Enjis bisheriges Werk hat internationale Aufmerksamkeit und Kritikerlob erhalten. Ihr Album Ulaan (2023) wurde vom Guardian als „eine elegante und kraftvolle Neuinterpretation traditioneller mongolischer Musik“ gefeiert – ein Beleg für ihre Fähigkeit, innerhalb ihres kulturellen Rahmens zu innovieren.
Ihre einzigartige Verbindung von Jazz und mongolischer Volksmusik wurde auch von der Washington Post hervorgehoben, die bemerkte, dass ihre Lieder „so erfinderisch, so frei und doch so geerdet klingen“. Diese Balance ist zu einem Markenzeichen von Enjis Musik geworden und hat ihr einen Platz unter den faszinierendsten Stimmen des zeitgenössischen Jazz gesichert.
Mit Sonor lädt Enji die Hörer ein, sie auf eine Reise durch die Landschaften ihrer Erfahrungen zu begleiten – über Kulturen hinweg, den Wandel umarmend und die Schönheit in den Übergängen zu finden, die unser Leben prägen. Ihre Musik erinnert daran, dass – wie beim Sonnenuntergang – Momente des Wandels sowohl schön als auch bewegend sein können.
Während sie weiterhin ihren Weg zwischen der Mongolei und Deutschland, zwischen Tradition und Innovation findet, steht Sonor als Zeugnis für die bereichernde Erfahrung, zwischen Welten zu leben, und für die Kunst, die daraus entsteht, wenn man die eigene facettenreiche Identität umarmt.



